Leseprobe

bilder2010-607-crop.jpg
Eine Leseprobe aus einer Kurzgeschichte, an der ich derzeit arbeite.

… Das Mädchen rannte die Holztreppe hinauf. Sein braunes langes Haar war offen und fiel ihm ins Gesicht, da es unterwegs das Haarband verloren hatte. Als es den letzten Stock erreichte, bog es nach links ab und blieb am Ende des Korridors in einer Ecke stehen. Es war außer Atem. Sein Herz schlug so schnell, dass es das Pochen bis in die Fersen spüren konnte; es zitterte am ganzen Körper und sein Gesicht war verweint. Das Mädchen hieß Halja, war vor kurzem neun Jahre alt geworden und besuchte die zweite Klasse der Grundschule. Halja lehnte sich mit dem Rücken an die Wand, deren Kälte sie durch ihren Wollmantel spüren konnte und lauschte, ob ihr jemand folgte, aber es waren nur Stimmen aus dem Pausenhof zu hören.

Das dreistöckige Schulgebäude stand mitten in der Ortschaft und war am Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts, zur Zeit der Herrschaft des Ungarischen Königreiches in Transkarpatien, errichtet worden. Im Winter war es in den Korridoren sehr kalt und ein modriger, schimmliger Geruch stach unangenehm in die Nase. In den Klassenzimmern standen Kachelöfen, die mit Holz geheizt wurden. Der Hausmeister schürte jeden Morgen an und die Lehrer legten im Laufe des Tages nach, und bis es richtig warm wurde, war der Unterricht meistens zu Ende. Im Dachgeschoss befanden sich zwar Zimmer, die wurden aber wegen des Schülermangels in den letzten zehn Jahren als Abstellräume genutzt. Der Putz an den grauen Wänden im Gang war teilweise abgebröckelt und der Holzboden bewegte sich unter den Schritten.
Nicht zum ersten Mal versteckte sich Halja in der Pause hier oben, wobei sie sich auch da nicht sicher fühlte, denn sie fürchtete vom Hausmeister erwischt zu werden, wie es schon mal der Fall war. Damals schimpfte er sie und meinte, sie habe da oben nichts zu suchen und, wenn er sie dort noch einmal erwischte, würde er sie zum Direktor bringen. Trotzdem beschloss sie auch diesmal das Ende der Pause abzuwarten und dann in ihr Klassenzimmer, das sich im ersten Stock befand, zurückzugehen.
Am anderen Ende des Korridors hing ein Porträt von Lenin, das etwas verblasst war und fast die ganze Wand einnahm. Leise lief Halja hinüber. Den bärtigen Mann mit hoher Stirn, der sie vom Bild anlächelte, kannte sie bereits, denn seine Bilder hatte sie schon oft gesehen. Und seit sie die Schule besuchte,wusste sie aus den Erzählungen der Lehrerin, wer er war. Die Bilder von Lenin waren im Kontor der Kolchose, in der ihre Mutter als Putzfrau arbeitete und in der Dorfverwaltung an den Wänden angebracht. Selbst in der Turnhalle, die neben dem Schulhaus stand und äußerlich wie eine Kirche aussah, nur ohne Kreuz auf der Kuppel, hing ein Bild vom Lenin. Haljas Großmutter erzählte, früher sei die Turnhalle tatsächlich eine Kirche gewesen, in der die Orthodoxen die schönsten Ostermessen feierten. Angeblich kamen damals die Menschen von weit her angereist, um diese zu besuchen.
Jedenfalls hing jetzt an der Wand, vor der einst der Altar gewesen zu sein schien – jetzt aber ein Reck stand und ein Haufen Matten lag – ebenfalls ein ziemlich großes Bild von Lenin.
Haljas Familie gehörte zu den Huzulen, einem Volk, das seit Jahrhunderten im Osten Transkarpatiens lebte. Ihre Großmutter glaubte sehr an Gott und meinte, dass alles in seiner heiligen Hand liege. Sie brachte Halja auch das Beten bei. Immer wenn Osterfeiertage anstanden schimpfte sie vor sich hin, dass das Teufelsvolk – so nannte sie die Kommunisten, die seit fünfundzwanzig Jahren in Transkarpatien regierten, genau genommen seit 1945, denn da wurde das Gebiet der Ukrainischen Sozialistischen Sowjetrepublik angeschlossen – ihr das Gotteshaus weggenommen hatte und Großmutter ihren Osterkorb mit dem Bus fünfzehn Kilometer weiter zum Weihen fahren musste. Rachiw hieß die Ortschaft, wo sich die nähste noch funktionierende Kirche befand. Großmutter war ihrem Glauben sehr treu und betete Tag für Tag, morgens und abends. Sie hockte auf den Knien vor der Ikone der Heiligen Maria mit dem kleinen Jesus im Arm, die in ihrem Zimmer neben dem Bett an der Wand hing. Einmal lauschte Halja an der halb geöffneten Tür und hörte sie sagen: „Heilige Maria, Mutter Gottes, vergib mir meine Sünden. Erhöre meine Gebete, bringe meinen Sohn zur Vernunft und hilf ihm, von der Sauferei wegzukommen…“.
Mittlerweile war Haljas Großmutter seit zwei Jahren tot, deshalb glaubte das Mädchen, dass die Gebete nicht geholfen hatten. Besser gesagt wusste es nicht, woran es noch glauben sollte. Denn sein Vater betrank sich weiter, prügelte immer wieder die Mutter und nahm auch keine Rücksicht auf Halja und ihre vier kleinen Geschwister. Durch seine Sucht verlor Haljas Vater immer wieder die Arbeit, wobei er auf`s Neue gezwungen war, sich eine Stelle zu suchen, denn der Staat duldete keine Schmarotzer. Auch das erfuhr Halja von der Lehrerin im Unterricht. Das Mädchen sah das Porträt von Lenin sehr aufmerksam an. Dieser Mann muss auch ein besonderer Mensch gewesen sein, dachte es, schließlich hatte er, nach den Worten der Lehrerin, zu seinen Lebzeiten einiges bewirken können. Lenin ist vor vielen Jahre gestorben, vielleicht war er auch so jemand wie Gott? Halja schaute sich um, dann kniete sie am Boden und flüsterte leise zum Bild aufschauend: „Lieber Lenin, vergib mir meine Sünden… Bitte bringe die Jungs, die mich ständig ärgern und jagen zur Vernunft und hilf ihnen, damit sie aufhören. Besonders dem Jurij, der mir immer am schlimmsten weh tut.“…

Advertisements

10 Antworten zu Leseprobe

  1. bmh schreibt:

    Wie rührend der Schluss Deiner Leseprobe. Man möchte das kleine Mädchen in den Arm nehmen .

  2. Kerstin schreibt:

    Sehr schön geschrieben mach wieda so Grüssle Kerstin

  3. Marion schreibt:

    Du schreibst ein schönes klares Deutsch und du schreibst aus der Seele heraus, das ist sehr ansprechend.

    Liebe Grüße
    Marion

  4. andrea schreibt:

    SCHÖN geschrieben…hast du das schon mit meiner WIND-SEELE geLESE(n)????Findest du auf meinen SEITE(n)HERZliche GRÜßE sendet dir ANDREA:))

  5. Vera Nentwich schreibt:

    Schöne Leseprobe!

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s