Allein, aber nicht einsam

Mit dem Herbst beginnt für mich als Autorin eine Zeit, in der ich mich noch häufiger an den Schreibtisch setzen und dem Hobby (Schreiben) nachgehen werde. An den langen verregneten Abenden – wie an diesem Mittwoch – bietet es sich gut an, den Klang der Regentropfen auf die Fensterscheiben, mit dem Tippen auf die Tastatur zu begleiten.

Heute stelle ich eine Passage aus einer meine Kurzgeschichte als Leseprobe vor.

 

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Allein, aber nicht einsam

 

…Jawdochas Zimmer war mit Möbeln ausgestattet, die mindestens so alt waren wie die Hütte selbst, die das älteste Haus in der Siedlung war. Die Einrichtung bestand aus einem Bett in der linken Ecke, einem Kleiderschrank daneben, einem Tisch mit einer Bank und zwei Stühlen am Fenster gegenüber und einem Regal, das als Geschirrablage diente. Direkt am Eingang in der rechten Ecke stand ein Lehmofen mit einem Kochfeld in der Mitte. In der Hütte war es angenehm warm und der aromatische Duft der Kräuterbündchen, die über dem Ofen hingen, trug dazu bei, dass Halja sich in dem Raum sofort wohlfühlte. Das Mädchen dachte an sein Zuhause, wo der Geruch aus einer Mischung von ungewaschenen Windeln, durchnässten Betten, Zigarettenrauch und Alkohol in der Luft bestand. Seitdem die Großmutter, die mit im Haus gewohnt und sich um alles gekümmert hatte, gestorben war, kam Haljas Mutter mit dem Waschen, dem Saubermachen, dem Kochen und sich um die Kinder zu kümmern nicht mehr nach. Schließlich musste sie ja auch noch Geld verdienen. Mittlerweile war auch Halja gezwungen, einiges im Haushalt zu helfen und auf ihre Geschwister aufzupassen, was sie natürlich sehr ungern tat. DIGITAL CAMERA

„Ich kenne dich, du bist doch die Älteste von Semenjuks.“, sagte Jawdocha und stellte einen Teller Suppe mit Löffel und einer Scheibe Brot vor Halja auf den Tisch. „Danke“, sagte das Mädchen und fing an, hastig zu essen. Jawdocha setzte sich gegenüber. „Wie heißt du denn?“ „Halja“, antwortete das Mädchen mit vollem Mund. Es war sich immer noch nicht sicher, ob es richtig war, mit ins Haus zu gehen. Außerdem machte Halja sich Gedanken, dass ihre Mutter schimpfen oder sie gar wieder schlagen werde, weil sie zu spät nach Hause kommen würde. Aber die Suppe schmeckte so lecker, dass sie in dem Moment bereit war, auch die Prügel einzustecken, nur damit sie sich satt essen durfte. Denn ihr Bauch knurrte bereits seit Stunden vor Hunger und sie wusste nicht, ob sie daheim etwas zu Essen bekommen würde.

Auf dem Tisch standen eine Kerze, daneben ein Gebetbuch und ein eingerahmtes Bild, von dem ein Soldat lächelte. „Das ist mein Ivanko“, sagte Jawdocha als sie bemerkte, dass Halja darauf schaute. Sie nahm das Bild und streichelte liebevoll drüber, dabei lächelte sie, wobei diesmal in ihren Augen eine tiefe Trauer zu sehen war. „Er war ein guter Junge und ich bete jeden Tag, dass er mich zu sich in den Himmel holt.“ Sie schnaufte schwer und stellte das Bild wieder neben die Kerze. Halja aß ihre Suppe zu Ende. „Ich muss jetzt nach Hause“, sagte sie, während sie aufstand. Jawdocha gab ihr Mantel und Mütze. Halja machte einen Schritt zur Tür, doch dann blieb sie stehen. Sie drehte sich zu Jawdocha und sagte: „Eigentlich sind sie ja gar nicht so schrecklich, wie die Anderen meinen.“. Die Frau schmunzelte. „Weißt du, Kind, es ist nicht einfach, anders zu sein, denn die Menschen nehmen das nicht an. Ist aber einfacher, sich verrückt zu stellen, denn dann halten sie sich von dir fern.“

Mit wem auch immer diese Frau sprach, wenn sie mit sich selbst redete, aber der Teufel war es ganz sicher nicht, wie die Leute immer behaupteten. Davon war Halja jetzt überzeugt…

 

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Bis zu nächsten Mittwoch – eine kreative Zeit!

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Über MarijaPopadinets

Hobby-Autorin-Bloggerin
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12 Antworten zu Allein, aber nicht einsam

  1. Hallo, danke für Deinen Besuch. Schau mich hier mal um.
    Ein schönes Wochenende wünschen wir. LG. Wolfgang

  2. Marion schreibt:

    Liebe Marija,
    eine sehr schöne Geschichte, die ich interessiert – um nicht zu sagen neugierig 😉 – gelesen hab. Sie spricht auch zwischen den Zeilen und diese Art zu formulieren gefällt mir.
    Leider kann ich nur das erste Bild sehen (hab es jetzt mit 2 verschiedenen Browsern versucht).
    Ich wünsch dir sonnige Herbsttage, auch wenn die Sonne – wie ich dem Kommentar von Andrea entnehme – von den Blumen kommt :).
    Liebe Grüße
    Marion

    • marijap1 schreibt:

      Ich danke dir liebe Marion! Wie ich im Das Chaos bereits berichtete, habe ich in der letzten Zeit ein paar Probleme im Blog. Aber ich arbeite gerade an deren Behebung. Ich wünsche dir auch eine schöne Zeit! 🙂

      • Marion schreibt:

        Liebe Marija,
        tut mir leid, ich war noch nicht bis zu diesem neueren Beitrag von dir vorgedrungen, daher war mir das nicht klar.
        Jetzt kann ich übrigens alle 3 Fotos sehen, sehr schön!
        Liebe Grüße
        Marion

  3. OceanPhoenix schreibt:

    Deine Geschichte gefällt mir sehr, liebe Marija! ich kann die beiden richtig vor mir sehen .. Menschen urteilen oft vorschnell und haben gar kein Interesse, etwas genauer hinzusehen und sich darauf einzulassen, wie jemand ist, der einem „anders“ vorkommt. Und sind wir nicht alle irgendwie „anders“? gerade das macht uns doch zu etwas Besonderem ..jeden einzelnen.

    Liebe Wochenendgrüße an dich,
    Ocean

    • marijap1 schreibt:

      Es freut mich sehr, liebe Ocean, dass dir meine Leseprobe gefällt! 🙂
      Dein Gedankenaustausch dazu ist sehr treffend. Wir Menschen sind verschieden und das macht uns aus – anders und zugleich besonderes.
      Einen guten Start in die neue Woche wünsche ich dir!

  4. Follygirl schreibt:

    Ja, mag ich gerne Deine Geschichte!
    LG, Petra

  5. Andrea schreibt:

    Ich liebe SONNE(n)BLUME(n)hab einen ganz tollen Donner-s-TAG….HERZlichst ANDREA:))

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