(Über) das Leben – Teil VI

Ich sah mich im Raum um. Das Publikum war sehr gemischt. In einer Ecke stand eine Gruppe Jugendlicher und feierte in dem sie sich die Musik zu übertönen bemühte. In der anderen gab es Pärchen um die fünfzig Jahre. Alle Altersgruppen waren vertreten.

Das war mein erster Besuch in so einem Lokal in Deutschland und ich musste auf einmal an meinen ersten Tanzabend in meiner Heimatstadt denken. Meine Freundin und ich waren schon lange neugierig gewesen, wie so ein Abend aussehen könnte, also beschlossen wir eines abends uns dorthin zu schleichen. Hingehen war von zuhause aus verboten. Meinen Eltern erzählte ich, dass ich bei meiner Freundin schlafe und sie ihren das Umgekehrte, denn sie hätten uns nie erlaubt im Alter von vierzehn, die wir damals waren, auszugehen. Offiziell hieß das Gebäude, das unter Dorfbewohnern „Klub“ genannt wurde „Haus der Kultur“. Es stand mitten in der Ortschaft und diente zu verschiedenen Veranstaltungen und eben den Tanzabenden für die Jugend. Diese fanden immer samstags statt. Draußen war es noch hell, deshalb wurden die roten Samtvorhänge zugezogen, damit die bunt leuchtenden Girlanden über der kleinen Bühne aus Holz zur Geltung kamen und so etwas wie eine Tanzatmosphäre entstehen konnte. Die Sitzbänke wurden dicht an die Wände des Saales geschoben, dadurch wurde eine größere Fläche zum Tanzen geschaffen. Auf der Bühne stand ein Tisch mit dem Tonbandträger und einem Verstärker. Dahinter saßen immer zwei Jungs aus dem Dorf. Einer hieß Schoni. Er war ungarischer Abstammung, das sah man an seinen pechschwarzen Locken und den braunen Augen. Für mich war er der schönste Junge der Welt. Schoni ging in die elfte Klasse meiner Schule. Das war die Abschlussklasse und der Gedanke daran ihn nicht mehr in den Schulpausen zu sehen, bereitet mir jetzt schon schlaflose Nächte. Zudem erfuhr ich, dass Schoni eine Freundin hatte. Sie war an diesem Abend dabei und natürlich hatte er an diesem Abend etwas mit ihr. Ich war so unglücklich. Der Saal war voll und alle tanzten zu der Musik von ABBA. Meine Freundin und ich mischten uns ebenfalls zu den Tanzenden, wobei ich immer zu Schoni blickte. Ja ich war in den Jungen unsterblich verliebt, wovon er selbstverständlich nichts ahnte und das blieb auch mein Geheimnis. Für immer.

In meine Gedanken versunken bemerkte ich gar nicht wie ein Mann im karierten Hemd und mit einem Glas Weizenbier Martinas Platz einnahm. „Und, bista immer amoll dou“ neigte er sich plötzlich zu mir, so dass ich seinen Schädel mir ein paar Härchen von oben sehen konnte. „Nein, zum ersten Mal“ erwiderte ich und wich etwas zurück. „Iech aa“, rief er. Der Mann schien Anfang vierzig zu sein. Sein rundes Gesicht war mit Schweißperlen bedeckt und im Sitzen hing sein Bauch über den Gürtel seiner Jeans. „Du bisd obber nier vo dou, ich maan vo die Schbrouch her?“, musterte er mich. „Ich komme aus der Ukraine“ antwortete ich in der Hoffnung, dass damit das Gespräch beendet war. „Gell. Ich woar aa amoll in Cheb“, zwinkerte er mir kichernd zu und machte einen langen Zug von seinem Bier. Kurz überlege ich, was er damit meinte und mir fiel ein, dass es die Grenzstadt zwischen Deutschland und der Tschechischen Republik ist und die zu der Zeit durch die anschaffenden Frauen aus Osteuropa berüchtigt war. Ich beschloss, die Unterhaltung zu beenden, in dem ich mein Bier austrank und auf die Tanzfläche ging um mein Versprechen zu halten und mich Martina, die jetzt zu „Live is Live“ von Opus tanzte, anzuschließen.

Eines Tages rief mich Martina an und erzählte, dass sie einen Mann auf einer Feier kennen gelernt hatte und dabei war, sich in ihn zu verlieben. Er war Single, wohnte in einer kleinen Ortschaft in der Nähe und arbeitete bei den Stadtwerken. Diesmal sei er bestimmt der Richtige, schwärmte sie und ich wünschte es ihr von Herzen. Ein paar Wochen später lud sie mich zum Kaffee zu sich ein. Sie meinte, es sei an der Zeit, dass ich endlich ihren neuen Freund kennen lerne. Als ich ankam, öffnete Martina mir die Tür und bat mich rein. Ich legte meine Jacke ab und folgte ihr ins Wohnzimmer. „Das is dorHolschor“, stellte sie mir einen Mann vor, der vom Sofa aufstand und mir die Hand entgegenstreckte. Ein paar Sekunden lang stand ich verwirrt mit halboffenem Mund da und konnte meinen Augen nicht glauben. „Marija“, brachte ich schließlich heraus. „Ich hoa scho vo diech ghörd“, sagte er meine Hand schüttelnd. Während dessen schaute ich zu Martina, die jetzt über das ganze Gesicht grinste, und meinen überraschenden Gesichtsausdruck zu genießen schien. Ich hatte tausend Fragen an sie, die aber in dem Moment weder wichtig, noch angebracht waren. „Ä Gäffschn?“, fragte sie mich, während ich mich in einem Sessel niederließ. „Ja, gerne“, antwortete ich immer noch etwas verdutzt. Denn ich konnte es einfach nicht fassen, dass Holger der gleiche betrunkene Mann war, der im Gang des Romanticas die Wand stütze. Mir gegenüber saß jetzt ein gepflegter Mann, Ende vierzig, mit einem netten Lächeln. Martina schenkte mir einen Kaffee ein und setzte sich zu uns. Im Endeffekt musste ich es nicht verstehen, denn das einzige was in diesem Moment zählte, waren die Augen meiner Freundin und die leuchteten wieder glücklich. So saßen wir da, tranken Kaffe und unterhielten uns. Mir wurde nicht zum ersten Mal Bewusst, was für ein schönes Gefühl das ist keine Sprachbarriere mehr zu haben, die mir am Anfang meines Lebens in diesem Land so viel Unsicherheit gebracht hatte und die Bewältigung dessen so weit weg erschienen ließ. Ich verstand Fränkisch. Ich verstand Sächsisch. Ich verstand und sprach Deutsch. U_F_D

An der Stelle ist diese Geschichte zu Ende. Aber im Leben und Schreiben… geht es nächsten Mittwoch weiter. Lassen sie sich überraschen. Bis dahin eine sonnige Zeit!

Advertisements

Über MarijaPopadinets

Hobby-Autorin-Bloggerin
Dieser Beitrag wurde unter (Über) Das Leben abgelegt und mit , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

15 Antworten zu (Über) das Leben – Teil VI

  1. Aka Teraka schreibt:

    Eine schöne Geschichte, meisterhaft enthüllt – ich mag, wie äusserlich die Geschichte um Dich geht – Deinen Weg nach und in Deutschland, Dein Familienleben, Dein Ringen mit und Meistern der deutschen Sprache und Kultur, usw. Und doch gleichzeitig innerlich um Martina geht – ihre Persönlichkeit, ihr Alleinsein, ihr Liebesleben. – Sehr feine Erzählerinstinkte hast Du.
    Ich find’s auch schön, wie Du am Ende nichts gesagt hast, sondern sie ihre neue Beziehung und Freude geniessen lassen hast.

    • marijap1 schreibt:

      Ich danke dir herzlich, lieber Aka Teraka, für den Gedankenaustausch (Rezension) 🙂 !
      Manche Menschen, denen wir im Leben begegnen, hinterlassen Spuren in unserem Herzen.
      Und in bestimmten Situationen ist jedes Wort überflüssig, so war es auch am Schluss der Geschichte.
      Einen schönen Sonntag wünsche ich dir noch!

  2. Follygirl schreibt:

    Ich finde es bewundernswert wie gut Du das alles meisterst!
    Es ist auch immer wieder interessant Deine Sicht zu lesen.
    LG, Petra

  3. giselzitrone schreibt:

    Wünsche einen schönen Donnerstag so schön ich könnte das nie so schön aufschreiben pannent zu lesen bei diesen Wetter hat man ja auch Zeit dazu.Grüße dich Herzlich Gislinde

  4. Marion schreibt:

    Ach Marija, einfach schön zu lesen. Ich glaub, ich könnte den sächsischen Dialekt nie so originalgetreu aufschreiben. Allerdings hab ich auch keine Übung mehr damit, denn mein Opa, der es gesprochen hatte, ist schon länger tot.
    Ich kann deine Unsicherheit in den ersten Jahren wegen der Sprachbarriere so gut verstehen und deutsch zu lernen ist schon eine Leistung an sich. Deutsch als Fremdsprache ist ja wirklich schwierig und ich bin froh, muss ich es nicht als Nicht-Muttersprache lernen 😉 – aber dann noch so extreme Mundarten wie sächsisch, puh, das braucht Zeit, immer wieder hören und nachfragen, nehme ich an. Ach so, und die entsprechenden Bücher, wie ich sehe. Hut ab!
    Fürs Schweizerdeutsch habe ich auch so ein Buch geschenkt bekommen, aber erst nachdem ich das meiste schon verstand. Wenn ich dann mal was nachschlage, steht es meistens nicht drin. Es ist nicht sehr ausführlich.
    Ich wünsche dir auch eine sonnige Woche, innen und außen 🙂
    Liebe Grüße
    Marion

    • marijap1 schreibt:

      Herzlichen Dank, liebe Marion.
      Die erwähnten Dialekte kann ich zwar gut verstehen, allerdings nicht originalgetreu sprechen. Beim Schreiben haben mir die Bücher geholfen. 🙂 Die Tücken nicht (meiner) Muttersprache werden mich leben lang begleiten und ich werde immer mehr dazulernen. Was ich auch tue.
      Liebe Grüße
      Marija

      • Marion schreibt:

        Ich persönlich finde, einen Dialekt muss man nicht originalgetreu sprechen können, es reicht, wenn man ihn verstehen kann, um den Kontakt zu anderen nicht zu behindern. Einen „fremden“ Dialekt akzentfrei zu sprechen hat fast etwas von Aufgabe der eigenen Identität, was meinst du?
        Lesen hilft, auf jeden Fall. Aber auch sehr genau zuhören. Ohne das wäre es sicher auch nicht gegangen für dich.
        ❤ Grüße
        Marion

      • marijap1 schreibt:

        Das ist korrekt. Das Lernen einer Fremdsprache ist sehr individuell. Ich höre lieber zu und schreibe es auf 🙂 Übrigens, den Dialekt hört man erst dann richtig heraus, wenn man die Sprache beherrscht, meine Erfahrung nach. LG

      • Marion schreibt:

        Das ist wohl so, dass man zuerst die Sprache kennen muss, bevor man sich mit den Dialekten befassen kann.
        Das hab ich an meiner türkischen Nachbarin gemerkt, die versucht hat im Sprachkurs deutsch zu lernen, der Lehrer war aber Schweizer und seine Aussprache und Betonung war eben die eines Schweizers, was sie irritiert hat.

  5. andrea schreibt:

    Und wo ist die SONNE….die erscheint momentan erst gegen ABEND.Die SONNE hat wohl ein AbKOMMEN mit dem ABEND geschlossen..dir einen schönen MITTWOCH.HERZlichste GRÜßE sendet dir ANDREA:))

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s