(Über) das Leben – Teil V

Romantica hieß das Lokal, das sich über einem Getränkemarkt befand und eine Stadelatmosphäre und sagen wir mal „Disco“-Charakter hatte. DIGITAL CAMERAAls wir angekommen waren, hatte sich eine Menschenschlange vor dem Eingang gebildet, an dem zwei Türsteher mit rasierten Köpfen und grimmigen Gesichtern standen. Sie hielten ihre Hände in den schwarzen Daunenjacken, die ihnen bis zu den Taillen reichten und die sie noch bäriger machten. Sie musterten jeden der vorbeilief und begrüßten gleichzeitig jede Frau mit einem „Challo“. Nicht nur das Aussehen bestätigte, dass die beiden Männer Russisch als Muttersprache hatten, sondern auch die Artikulation, denn im Russischen Alphabet gibt es kein „H“, so dass sich die meisten mit dessen Aussprache schwer tun. Ich lief Martina hinterher, die die ganze Zeit zu der Musik, die aus dem Innenraum dröhnte, rumtänzelte. Die Kasse befand sich an der Garderobe. „Hoid hoam mier Ladysnight, dou müsster nier bezoaln“, teilte uns eine Frau mit, die unsere Jacken entgegen nahm. Ich schmunzelte in mich hinein, denn inzwischen konnte mir der Fränkischer Dialekt nichts mehr anhaben. Gleichzeitig freute ich mich, dass ich mir das Eintrittsgeld sparten durfte.

Martina strahlte, sie war sehr stark geschminkt und ihre braunen schulterlangen Haare waren toupiert. Passend zu ihrem glänzenden dunkelblauen Satinkleid trug sie schwarze Lackschuhe mit zwölf Zentimeter hohen Absätzen und eine schwarze Lacktasche dazu. So wirkte sie gleich zwanzig Zentimeter größer als sie tatsächlich war. An diesem Abend hoffte sie, wie an jedem Ausgehabend, jemanden kennen zu lernen.

Ein Betrunkener mit einem leeren Weizenbierglas in der Hand stand angelehnt an der Wand neben der Garderobe. Er sagte etwas in unsere Richtung, man verstand aber nur ein Lallen und Martina warf ihm kopfschüttelnd einen Blick zu. Wir liefen an ihm vorbei und betraten einen Raum, der wie ein Fachwerkhaus von innen aussah und passend zur Winterzeit dekoriert war. Die ganze Decke wurde mit den silbern leuchtenden Girlanden, künstlichen Schneeflocken und Eiszapfen behängt und die auf den Holzbalken aufgelegte Watte stellte den Schnee da. Über die Mitte der Tanzfläche hingen bunte Lampen und eine Diskokugel, die sich drehte und die Strahlen in den Raum warf. Die Luft war stickig und es roch nach einer Mischung aus Alkohol, Schweiß und verschiedenen Pflegemittel von Bodylotíons, Parfums bis zu Aftershaves, die zum Teil penetrant dufteten.

Wir gingen zu der einzigen Bar und setzten uns auf die Hocker. Martina bestellte Rotwein, ich eine Flasche Bier. Die Musik war sehr laut und nach ein paar Sätzen die man sich gegenseitig ins Ohr schrie, bekam man Halskratzen. Also saßen wir da, tranken und schauten zu der Tanzfläche, auf der zwei Pärchen Disco-Fox zu „Wahnsinn, warum treibst du mich in die Hölle?“ von Wolfgang Petry, tanzten.

Martina bemühte sich, kerzengerade zu sitzen und bewegte ihre Schultern leicht im Takt der Musik. Hin und wieder zupfte sie an ihrem Kleid, das ziemlich kurz war und immer wieder über ihre Oberschenkel nach oben rutschte. Ich fand es sehr anstrengend und war in dem Moment froh, dass ich mich von ihr nicht hatte überreden lassen, ebenfalls ein Kleid anzuziehen, und bei meiner Jeans und einer weißen kurzärmeligen Hemdbluse geblieben war. Die Absätze meiner Pumps hielten sich, mit sechs cm, in Grenzen. Mein Makeup bestand aus Wimpertusche und etwas Rouge, denn Martina meinte, ich sähe sehr blas aus, und einem Lippenstift, der bei mir nicht lange hielt, weil ich ihn grundsätzlich ableckte. Meine langen blonden Haare, die ich sonst aus Bequemlichkeit in einem Pferdeschwanz trug, hatte ich diesmal offen.

Mit dem “How much is the Fish“ vom Scooter wurde die Tanzrichtung gewechselt und die Tanzfläche füllte sich. „Nu gumm lass uns danzen gähn“, sagte Martina und stand auf. „Nein, vielleicht später“, erwiderte ich „jetzt habe ich noch keine Lust zum tanzen“. „Da geh’sch ähm alleene“, drückte sie mir gespielt schmollend ihre Handtasche in die Hand und verschwand in der Menge.

Als ich ihr damals erzählte, dass ich beschlossen habe, mich von meinem Mann zu trennen, nahm sie mich in den Arm und sagte, sie sei für mich da. Schließlich kannte sie die Geschichte, die dazu führte, dass ich ihn verlassen habe, gut. Ich hatte das Leben nach seinen Regeln zu lange mitgemacht, meinte sie.

Martina war meine erste und zu der Zeit die einzige deutsche Freundin. Sie half mir bei der Wohnungssuche und bei meinem Hals-über-Kopf-Umzug, während mein Mann wieder mal einen Besuch in der Ukraine machte, wo er immer öfter Zeit verbrachte. Martina organisierte einen Wagen mit einem Fahrer, den ich nicht einmal bezahlen musste. Das sei bereits geklärt, entgegnete sie, als ich sie darauf ansprach, dass ich mir den Transport nicht leisten könne. Ich war ihr sehr dankbar dafür.

Martina war acht Jahre älter als ich, nicht verheiratet und hatte keine Kinder. Sie meinte, es wäre noch nie so ernst gewesen, um eine Familie zu gründen. Sie hatte einige Beziehungen hinter sich und war immer wieder auf der Suche. Vor einem halben Jahr hatte sie ihren letzten arbeitslosen Kerl rausgeworfen „Schab keen Bock mehr, den seine Gibben zu bezahln und dä Gusche bietscht dor sisch och immor voll“, schimpfte sie. Ich verstand sie sehr gut. Welche Frau wäre auf Dauer glücklich, für die Zigaretten ihren Lebensgefährten auf die Arbeit zu gehen, während er den Tag auf dem Sofa mit der Bierflasche verbringt? Der Martina hat es auch gereicht und sie machte Schluss. Aber sie machte auch kein Geheimnis daraus, dass sie wieder auf der Suche nach einem Neuen war. Denn alleine sein konnte sie auch nicht, gestand sie mir. Das Leben, das sie führte, war in meinen Augen kein glückliches. Trotzdem hatte diese zierliche, ein Meter fünfundfünfzig große Frau, nicht nur ein ausgesprochen gutes Herz, sie hatte unglaublich viel Energie, war meistens gut drauf und witzig. Irgendwie bewunderte ich sie…

Darüber und viel mehr nächsten Mittwoch. Bis dahin eine stressfreie Zeit!

Advertisements

Über MarijaPopadinets

Hobby-Autorin-Bloggerin
Dieser Beitrag wurde unter (Über) Das Leben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

11 Antworten zu (Über) das Leben – Teil V

  1. giselzitrone schreibt:

    Wünsche dir einen schönen Mittwoch ist wieder so schön zu lesen und vom Winter das ist gut, wir haben nämlich heute an der Ahr eine große Hitze zu warm zum Wandern.Aber besser wie Regen und Kald.Lieber Gruß von mir Gislinde

  2. Marion schreibt:

    Mir gefällt deine Art zu schreiben, unbeschönigt mitten aus dem Leben gegriffen und so, dass man Lust auf mehr bekommt…

    Liebe Grüße
    Marion

  3. andrea schreibt:

    Das beWUNDERe ich auch an ihr…toll GESCHRIEBEN meine LIEBE….hab einen schönen MITTWOCH…lass dich nicht so sehr GRILLen von der HITZE…**FG**HERZlichste GRÜßE sendet dir ANDREA:))

    • marijap1 schreibt:

      Vielen lieben Dank, Andrea! Diesmal spielt ja die Geschichte im Winter, eine gedankliche Abkühlung für den heutigen heißen Mittwoch ;-).
      Liebe Grüße
      Marija

      • andrea schreibt:

        Ein grasser**GegenSATZ**wie ich finde…..kommt doch gut bei dem heißßßennn WETTER oder?????Geht es dir gut???LG ANDREA:))

      • marijap1 schreibt:

        Danke, liebe Andrea! Mir gehts gut.:-) Einen schönen Abend wünsche ich dir noch! Marija

      • andrea schreibt:

        Das freut mich sehr…das es dir gut geht……ist es auch s o heißßß bei dir…..wünsche dir einen schönen ABEND…..LG ANDREA:))

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s