(Über) das Leben – Teil III

Wie bereits erwähnt, beschränkten sich meine Deutschkenntnisse, als ich 1992 die Ukraine verlassen hatte, auf „guten Tag“ und „auf Wiedersehen“. Wobei ich das erste kaum anwenden konnte, denn in Franken, meinem neuen Zuhause, sagt man „grüß Gott“.

DIGITAL CAMERA Ich war laufend am Üben der Vokabeln und brachte mir die alltäglichen Sätze bei, die ich beispielsweise bei Ausländerbehörden anwenden konnte, denn gerade am Anfang des Aufenthalts hatte man dort einiges zu erledigen. In dieser Phase hatte ich oft erlebt, dass die Menschen, wenn sie denn merkten, dass man die Sprache nicht beherrschte, dazu neigten, einen ziemlich laut anzusprechen, so als ob das helfen würde sie zu verstehen. Als ich einst das Zimmer einer Behörde betrat, wurde ich von der Dame hinter dem Schreibtisch freundlich aber eben sehr laut mit einem „Kumma sa doch rei. Könna sa miech verschdenn?“ empfangen. „Ja, ich kann Sie verstehen“, antwortete ich etwas irritiert. Für mich dachte ich allerdings: die Sprache kann ich vielleicht nicht so gut, deshalb bin ich aber noch lange nicht taub. Wobei ich später fest stellte, dass ich das Gleiche tat.

Neue Menschen kennenzulernen hatte ich Anfangs nicht viel Möglichkeit, deshalb war ich sehr froh als Martina in mein Leben trat. Darüber möchte ich euch gerne eine Geschichte beginnen zu erzählen:

Martina lernte ich vor einigen Jahren kennen. Damals zog sie grade aus Chemnitz- „ehemoalsch Gorl-Morx-Schtodt“, wie sie es immer sagte, nach Franken und arbeitete in einer Pension, in der auch ich kurzzeitig an Wochenenden gearbeitet hatte. Wir halfen dort in der Küche und reinigten die Gästezimmer. Das war 1994 und mein erster Job in Deutschland, für den ich sieben Mark fünfzig die Stunde bekam. Wenn ich mich gut bewähren würde, hieß es von der Besitzerin, würde ich nach einem Jahr acht bekommen, und ich freute mich sehr, denn das bedeutete für mich viel Geld. Den Job hatte ich gerne gemacht und nicht nur die Motivation eigenes Geld zu verdienen, hatte dazu beigetragen. Mir wurde vor allem bald klar, dass das die einzige Möglichkeit war, die deutsche Sprache schnell zu erlernen. Und, obwohl ich mich in meiner Mutterrolle gut fühlte, wollte ich nicht immer nur Mutter sein. Deshalb war ich über jede Minute froh, die ich unter Deutschen im Gespräch verbringen durfte. Mein Mann dagegen hatte da eine andere Meinung. Er hielt es nicht aus, sich jedes Wochenende acht Stunden täglich alleine um die Kinder kümmern zu müssen und meinte, dass ich wieder nachhause gehöre. Meine Argumente waren nicht wichtig und so musste ich schweren Herzens nach einem halben Jahr diese Stelle aufgeben. Immerhin habe ich mich während dieser sechs Monate sehr gut mit Martina aus Chemnitz angefreundet.

Die Zeit ging verstrichen und nun war ich mittlerweile seit sieben Jahren in Deutschland. Ich hatte seit über einem Jahr wieder eine hässliche Scheidung hinter mir und lebte mit meinen beiden Töchtern, die den Kindergarten und die Grundschule besuchten, in einer Dreizimmerwohnung im vierten Stock eines Hochhauses. Mein Geld verdiente ich mit der Beschäftigung als Reinigungskraft in einem Kindergarten und das Leben ging weiter.
Mein Deutsch wurde immer besser, selbst der fränkische Dialekt war mir nicht mehr so fremd. Und die Zeiten waren vorbei, in denen ich nicht wusste, dass ein Brötchen und eine Semmel gleich schmecken oder, dass zum Beispiel ein Ball geschossen und nicht geschissen wird. Denn das waren zwei von vielen Wörtern, die sich am Anfang für mich gleich anhörten. Außerdem hatte ich mich an Martinas sächsisch gewöhnt…

Darüber und viel mehr gibt nächsten Mittwoch. Bis dahin eine Gute Zeit!

Advertisements

Über MarijaPopadinets

Hobby-Autorin-Bloggerin
Dieser Beitrag wurde unter (Über) Das Leben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s