(Über) das Leben – Teil II

Die wunderschöne Stadt Leningrad hat damals alles geboten was sich ein junger Mensch in der Sowjetunion vorstellen konnte. Alles begeisterte mich. Von Kinos, Cafes, Parks bis hin zu den berühmten Weißen Nächten. Zu diesen hat man die Zeit bis in die

Morgenstunden am Newski-Prospekt mit Freunden verbracht. Doch neben der Neugier und Euphorie für das Unbekannte, schlich sich die Sehnsucht nach der Heimat ein.

Zug

Sie wuchs mit jedem Tag immer mehr und irgendwann war Heimweh so stark, dass ich die Sommerferien kaum noch abwarten konnte um endlich nach einem Jahr wieder meine Familie und die Transkarpatien zu sehen.
Meine Orientierung im Leben und Verwirklichung stellte sich, zunächst, ein. Denn in diesem Sommer lief mir meine erste Liebe über den Weg. Nicht in Leningrad. Dem Jungen begegnete ich bei einem Besuch in Uschgorod, der Hauptstadt des Transkarpatiens. Ich verliebte mich so wie man sich mit achtzehn Jahren verlieben kann. Gedankenlos, bedingungslos und zeitlos. Mein Leben nahm eine andere Wendung, nämlich die, die ich vorerst vermeiden wollte.

Nicht nur unsere Gefühle, sondern auch unseren Eltern trugen dazu bei, dass wir acht Wochen später, nach dem wir uns kennengelernt hatten, uns das Ja-Wort vor dem Standesbeamten gaben.
Das konnte nicht gut gehen. Zwei Jahre später war ich geschieden, lebte mit meiner kleinen Tochter in einer Einzimmerwohnung und jobbte als Bedienung.

Wo die Liebe hinfällt, heißt es doch so schön. Und als mir meine neue Liebe wenige Jahre später mitteilte, dass er vor hat nach Deutschland zu gehen und mich fragte ob ich mir vorstellen konnte mit ihm mit zu kommen, war zunächst nur die Angst vor einem unbekannten Land und fremden Sprachen da. Doch mir war es dann wichtiger bei einem geliebten Menschen zu sein. Die Chance meiner Tochter eine bessere Zukunft zu ermöglichen war stärker, als jede Angst vor dem Fremden. So ging es im Juli 1992 in das inzwischen vereinigte Deutschland.
Bereits in der Schule fand ich die Deutsche Sprache sehr schwierig. Ab der fünften bis zur zehnten Klasse hatten wir ein Mal pro Woche eine Stunde Deutschunterricht. Wenn es nicht ausgefallen war, weil Ivan Ivanowitsch, unser einziger Deutschlehrer an der Schule, seinen Rausch erstmal ausschlafen musste. Die Kenntnisse, die wir in dieser Zeit vermittelt bekommen haben, waren sehr gering. Und ein Jahr nach dem Schulabschluss hat man alles vergessen. Dass ich die Deutsche Sprache in meinem Leben je benötigen werde, schien mir unwahrscheinlich. Eine höhere Priorität in der Schule hatte Ukrainische und Russische Literatur oder die Geschichte der UdSSR oder der Militärunterricht, den wir ebenfalls ein Mal wöchentlich hatten.
In Deutschland angekommen gab es für mich zunächst keine Möglichkeit einen Kurs zu besuchen um Sprache zu lernen. Ich nutzte jede Gelegenheit um mit Einheimischen ins Gespräch zu kommen. Normalerweise überlegt sich das Gehirn erst was es sagen will, dann wird der Satz formuliert und ausgesprochen. Für mich lag mit der neuen Sprache die Problematik darin, dass man am Anfang in einem spontanen Dialog denken, übersetzen und sprechen muss. Ich empfand das Übersetzen als große Herausforderung. Denn wenn man ein Wort nicht richtig hört oder der Gesprächspartner einen starken Dialekt spricht, dann versteht man schnell statt Durchwahl – Durchfall, statt Egal – Regal oder statt Schießen – Scheißen!Diese Erfahrungen habe ich tatsächlich machen müssen. Zum Glück wurde ich stets verbessert und auf das Missverständnis aufmerksam gemacht, denn ja, man will tatsächlich verbessert werden und nein es ist nicht unhöflich einen darauf aufmerksam zu machen, dass einem REGAL was man will…

Darüber und viel mehr gibt nächsten Mittwoch.  Bis dahin eine schöne Zeit!

Advertisements

Über MarijaPopadinets

Hobby-Autorin-Bloggerin
Dieser Beitrag wurde unter (Über) Das Leben abgelegt und mit , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s